ART Düsseldorf Leichtathletik

Alles ganz anders 

Olympische Spiele verschoben, Europameisterschaften abgesagt. Dann die Nachricht: Deutsche Meisterschaften finden statt! Ein Saisonziel, auf das man hintrainieren kann, eine Chance, sich mit der nationalen Konkurrenz zu messen. Corona-bedingt stand die Veranstaltung unter einem ganz besonderen Vorzeichen und war so ganz anders als alle Deutschen Meisterschaften bisher. 

Bereits am Tag vor den Deutschen Meisterschaften merkte man, dass es dieses Jahr eine andere, eine ganz besondere Veranstaltung im Braunschweiger Eintracht-Stadion werden würde. Gerne nutze ich den Anreisetag dazu, einmal ins Stadion zu gehen, die Bahn zu testen, die Atmosphäre aufzunehmen, nach dem Weg zum Callroom zu schauen und die Startunterlagen abzuholen. In diesem Jahr war das nicht möglich. In diesem Jahr durfte das Stadion erst am Wettkampftag etwa zwei Stunden vor der jeweiligen Disziplin betreten werden. 

Der Gang durch eine Kontrollzone führte in das Stadion hinein. Mit aufgesetztem Mundschutz wurde zuerst die Körpertemperatur gemessen. Wenn die stimmte, hatte man am nächsten Zelt einen Lichtbildausweis vorzuzeigen und wurde dementsprechend auf der Teilnehmerliste abgehakt. Erst nach dem Ausfüllen eines Fragebogens und der Versicherung, dass man selbst keine Covid 19-Symptome in den letzten 14 Tagen hatte und auch keinen Kontakt zu jemandem mit Symptomen hatte, wurden schließlich die Startunterlagen ausgehändigt und man durfte das Stadion mit dem bekannten Deutschen-Meisterschafts-Bändchen betreten. Mein Trainer machte schon Witze, ob sie mich überhaupt reinlassen würden, weil ich grundsätzlich immer eine sehr hohe Körpertemperatur habe, aber natürlich verlief alles reibungslos. 

Der Startschuss zu meinem Vorlauf über 400m Hürden am Samstag fiel bereits um 11 Uhr, die erste Disziplin auf der Laufbahn. Um diese Uhrzeit hatten wir die 30 Grad bereits geknackt. Dieses Wochenende sollte nicht nur das Wochenende einer ganz besonderen Meisterschaft werden, sondern auch das heißeste Wochenende des Jahres und das bekam man bereits in der Vormittagszeit zu spüren. Alle Sportler*innen tummelten sich auf den rar gesäten Schattenplätzen und versuchten so viel zu trinken wie möglich. Der Aufwärmplatz bestand aus großzügigen Rasenflächen und einem geraden Stück Tartanbahn, auf dem man sich problemlos erwärmen konnte. 

Ich war bis dato bei insgesamt drei Wettkämpfen über meine Spezialstrecke an den Start gegangen. In den vergangenen Jahren hatte ich gut und gerne dreimal so viele Wettkämpfe vor Deutschen Meisterschaften absolviert, um meinen Rhythmus zwischen den Hürden zu finden und zu stabilisieren. Aber in diesem Jahr gab es schlichtweg kaum Startmöglichkeiten, auch interne Trainingswettkämpfe waren in Nordrhein-Westfalen leider lange Zeit nicht zu organisieren. Hinzu kam, dass ich mich in diesem Jahr das erste Mal dazu entschieden hatte, die Hallensaison auszulassen, um möglichst früh in die Sommersaison einzusteigen und den frühen Olympia-Qualifikationszeitraum gerecht zu werden. Am Ende ging der Schuss nach hinten los und bedeutete letztendlich neun Monate lang kein Wettkampfstart, bisher meine längste Wettkampfpause. Und das hatte ich auch in meinen rar gesäten Wettkämpfen bis zu den Deutschen Meisterschaften gemerkt. Mir fehlte einfach die Wettkampfpraxis. Mein Rhythmus zwischen den Hürden hatte noch bei keinem Wettkampf in dieser Saison geklappt, ein Problem, mit dem ich in dieser Form bisher noch nie zu kämpfen hatte. Tatsächlich sah die Trainings- und Wettkampfsituation in den letzten Monaten wirklich in allen Bundesländern verschieden aus. So gingen die einen mit besserer, die anderen mit schlechterer Vorbereitung in die Deutschen Meisterschaften. Und es zeigte sich, auch so einige Favoriten*innen hatten Schwierigkeiten mit dieser besonderen Situation umzugehen. 

Aus der Not heraus legten mein Trainer und ich uns am Tag vor den Vorläufen einen neuen Rhythmus zurecht, den ich so auch im Training noch nie gelaufen war und mit dem ich die Kurve mit dem rechten Schwungbein lief. Das ist eigentlich nicht zuträglich, da das tendenziell aus der Kurve raustreibt und damit einen Zeitverlust bedeutet, in diesem Jahr sahen wir das aber als beste Lösung an. 

Bei den 400m Hürden war die Teilnehmerzahl auf 16 begrenzt wurden. In vielen anderen Sprint-Disziplinen waren die Teilnehmerfelder nach dem ursprünglichen Konzept noch auf 24 aufgestockt wurden, das war bei uns nicht der Fall. Melden konnte man sowohl mit Zeiten aus dem aktuellen, als auch aus dem vergangenen Jahr. Dadurch sah es zuerst so aus als müsste man tatsächlich deutlich unter 60 Sekunden laufen, um sich zu qualifizieren. Im Endeffekt verzichteten aber in allen Disziplinen einige Athlet*innen auf ihre Startmöglichkeit, wodurch die Qualifikationszeit dann doch deutlich nach unten ging. Für die 400m Hürden qualifizierte man sich schlussendlich mit einer Zeit von 61,91 Sekunden. Ich reiste als Vierte dieser Meldeliste aus den Jahren 2019 und 2020 nach Braunschweig. 

Gerade einmal 15 Minuten vor dem Start gab es einen Aufruf, an dem sich die Athleten*innen mit Sicherheitsabstand versammelten, bevor es mit Mundschutz zu den Callroom-Zelten ging. Unser Lauf wurde in zwei unterschiedliche Zelte aufgeteilt, Zelt eins für die Bahnen eins bis vier, Zelt zwei für die äußeren Bahnen. Dort konnte man dann in allen vier Ecken, möglichst weit auseinander, auf Stühlen Platz nehmen und auf den Gang in das menschenleere Stadion warten. Denn es gab in diesem riesigen Stadion wirklich keinen einzigen Zuschauer. Auch wir Athlet*innen durften die Zuschauertribüne nicht betreten. Die Trainer*innen wurden vom Callroom in das Stadion geführt und hatten die Tribüne direkt nach der Disziplin wieder zu verlassen. Es war wirklich menschenleer. Und so war es auch das erste Mal, dass ich meinen Trainer während meines Laufs bei einer Deutschen Meisterschaft schreien hören konnte. 

Auf dem Platz begab ich mich komplett in den Tunnel und konnte so sehr gut das fehlende Publikum ausblenden. Ich gewann meinen Vorlauf und qualifizierte mich damit automatisch für das Finale. Nach dem Lauf zog ich aus Routine meine Spikes aus. Da war mir noch nicht klar, dass wir als nächstes in der grellen Mittagshitze auf der heiß gelaufenen Tartanbahn noch bis zum 200m-Start geführt werden würden, bevor es in den Schatten der Katakomben zurück auf den Aufwärmplatz ging. Den Fehler machte ich am nächsten Tag nicht noch einmal. Am Sonntag waren die 400m Hürden wieder die erste Disziplin auf der Laufbahn, diesmal aber in der Nachmittagssession um 15.40 Uhr. Zum Glück hatte sich auch meine Trainingspartnerin Radha Fiedler erfolgreich für das Finale qualifiziert, sodass auch mein Trainer eine erneute Akkreditierung erhielt. Denn dies war eine weitere Besonderheit dieser Meisterschaft: Damit sich zu jeder Session weniger als 1000 Personen auf dem Stadiongelände aufhielten, gab es immer nur eine Akkreditierung für Trainer*innen pro zwei Athleten*innen aus einem Verein und ausschließlich für die Session an der die jeweiligen Athleten*innen teilnahmen. Mein Verein hatte mit Jessie Maduka und mir zwei Starterinnen in unterschiedlichen Disziplinen und mit Ralf Jaros und Sven Timmermann zwei verschiedene Heimtrainer. Meine Trainingspartnerin Radha startet jedoch für einen anderen Verein und konnte somit eine weitere Akkreditierung für meinen Trainer beantragen. Auch viele Physiotherapeuten*innen konnten deshalb nicht mit in das Stadion kommen.  

Die Tartanbahn glühte, als wir vor dem Finallauf beim Probestart mit dem Knie und den Händen die Bahn berührten, die Hitze stand im Eintracht-Stadion. Ich hatte mir ein nasses Handtuch um den Nacken gelegt, mehrere Mädels hängten sich ein Handtuch über den Kopf. Ich laufe sehr gerne bei hohen Temperaturen und komme damit auch gut zurecht. An beiden Tagen hatten wir wenig Wind, was der Langhürden-Strecke ebenfalls zuträglich ist. 

Für den Finallauf hatte ich mir vorgenommen die Strecke mutiger anzugehen, da ich in meinen bisherigen Läufen dieser kurzen Saison vorne doch immer sehr zurückhaltend gelaufen war. Mein Trainer und ich entschieden uns wieder für den Rhythmus aus dem Vorlauf, um mir so Sicherheit zu geben. Diesen konnte ich gut umsetzen, kam jedoch an einige Hürden zu nah dran und konnte nicht komplett an meine Grenze gehen. Nach dem Zieleinlauf drehte ich mich zur Tribüne um und zuckte mit den Schultern, ich hatte gemischte Gefühle. Einerseits war es mit Abstand mein bester Lauf dieser kurzen Saison und das beim Saisonhöhepunkt, aber gleichzeitig hätte ich der vor mir laufenden Athletin doch gerne noch etwas mehr Paroli geboten. Rückblickend hat mich die Entscheidung für den sicheren Rhythmus dann wohl eine neue Bestzeit gekostet. 

Mein Trainer zeigte von der Tribüne aus beide Daumen hoch. Ich hatte meine Saisonbestzeit um fast eine ganze Sekunde auf 56,64s gesteigert und war damit ganz nah an meine persönliche Bestzeit (56,54s) herangelaufen. Damit hatte ich in diesem schwierigen Jahr den Deutschen Vize-Meistertitel gewonnen. Leider durfte auch keine Siegerehrung stattfinden. Stattdessen konnten die Urkunden und Medaillen formlos am „Technical Information Center“ (TIC) abgeholt werden. Das war dann doch eine Enttäuschung. Es bliebt noch Zeit für eine Dopingkontrolle, anschließend sollte das Stadion möglichst schnell wieder verlassen werden. 

Ich bin froh, dass in diesem besonderen Jahr Deutsche Meisterschaften organisiert und Leichtathleten*innen aller Disziplinen die Möglichkeit gegeben wurde, sich national in einer Wettkampfsituation zu messen. Deutsche Meisterschaften bedeuten für mich aber auch immer ein Fest der Leichtathletik. Ein Fest, das man mit Freunden*innen, Familie und Athleten*innen gemeinsam feiert. Mit Zuschauern*innen, die uns lautstark von den Tribünen unterstützen. Ich hoffe sehr, dass wir dieses Fest bereits im nächsten Jahr wieder in einer ähnlich gewohnten und geliebten Weise feiern können.

Djamila Böhm